Zur Entstehung der ersten Bodenseefähre


Die Geschichte der Fährverbindung Konstanz - Meersburg

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Hotel Halm-Augenstein, Konstanz
In einer Besprechung über Verkehrsfragen am 21. November 1924 beantragte Hotelier Augenstein, angeregt aus Kraftfahrerkreisen, die Frage der Einrichtung einer Fähre von Staad nach Meersburg zu prüfen. Am 11. Dezember 1924 genehmigte der Stadtrat, dass ein solcher Plan ausgearbeitet werde. Die Direktion der Stadtwerke sollte die Frage der Beschaffung eines Bootes prüfen und das Tiefbauamt einen Kostenvoranschlag aufstellen für die Zu- und Abfahrtsstelle, wobei an die Rutsche beim Zeppelindenkmal oder an Staad gedacht worden war. Die Konstanzer Zeitung, die Deutsche Bodensee-Zeitung und das Meersburger Gemeindeblatt befassten sich ebenfalls in positivem Sinne mit dem Projekt. Ein weitsichtiger Einsender schrieb, dass durch Schaffung einer Fähre sich dem Konstanzer Handel ein ganz neuer Kundenkreis öffnen würde. Man könne die Ware dann am Lager laden und dem Kunden über den See vor das Haus führen.

Am 19. Januar 1925 ergänzte der Stadtrat seinen Beschluss durch die Forderung, dass die Interessenten gehört werden sollen. Oberbürgermeister Dr. Moericke lud daraufhin zum 23. Januar 1925 über 20 Vertreter Konstanzer Unternehmungen zu einer Besprechung ein, in der sich Bürgermeister Arnold für die Schaffung der Fähre einsetzte, auch wenn diese sich nicht voll rentieren würde. Er dachte an ein Boot von 22-28 m Länge und 6-8 m Breite für etwa sechs Personenwagen und zwei Lastwagen mit Anhänger. Wenn die erforderlichen Mittel für die Straßenherstellung und für eine Anlandestelle beschafft werden könnten, sei er für Staad. Die Herren Dr. Stromeyer, Oberbürgermeister Dr. Moericke, Handelskammer-Syndikus Braun und Ing. Graf traten ebenfalls für das Projekt und für Staad als Landungsstelle ein. Letzterer erklärte: "Der kürzeste Weg wird am meisten benützt.« Der Respizient der Stadtwerke und Verkehrsbetriebe, Stadtrat Ruppaner, prägte in klarer Erkenntnis der wirtschaftlichen Seite die Formel: "Der Betrieb Staad - Meersburg wird billiger, die Anlage dagegen teurer. Der Betrieb Konstanz-Meersburg wird teurer, die Anlage dagegen billiger." Baurat Hartmann bezeichnete die Anlage Staad für verkehrsgünstiger. Ein Einsender schrieb am 30. 1. 1925 in der Bodensee-Zeitung: "Einig ist man, dass eine Verbindung vom Linzgau mit der Kreishauptstadt dringend notwendig ist. Konstanz, vom See und durch Zollschranken abgeschlossen, muss neue Wege zu seinem natürlichen Hinterland suchen, nachdem die Reichsbahn dafür kein Verständnis hat oder aus finanziellen Gründen nichts zu unternehmen wagt. Wo das Verständnis fehlt - und wir am See sind das von Karlsruhe gewohnt - da müssen sich die Interessenten selbst helfen."

Diese Auslassungen bezogen sich auf die ungünstige wirtschaftliche Lage von Konstanz, das durch den ersten Weltkrieg von seinem schweizerischen Hinterland, den Kantonen Thurgau und St. Gallen, abgeschlossen worden war, wodurch ein großer Teil des Handels sein Absatzgebiet verlor. Die Anregung zur Schaffung einer Fähre war von der Reichsbahn nicht günstig aufgenommen worden. Zudem waren die Schiffsverbindungen im Überlingersee denkbar mangelhaft. Ein Antrag der Stadt Konstanz an die Bahnbau-Inspektion Konstanz um Überlassung von Gelände am Güterhafen wurde von der Reichsbahndirektion Karlsruhe abgelehnt. Damit war auch die Frage des Landeplatzes auf der Konstanzer Seite für Staad entschieden.

Inzwischen wurden nun etwa 600 Kraftfahrzeugbesitzer im Seekreis um ihre Meinung zum Fähreprojekt gefragt. Die Antworten waren durchaus positiv; sie dienten mit als Grundlage für die Erfolgsrechnung. Zur weiteren Behandlung des Fähreprojektes wurde ein vorbereitender Ausschuss gebildet, dem folgende Herren angehörten: Oberbürgermeister Dr. Moericke, Bürgermeister Arnold, Stadtrat Ruppaner, Stadtrat Ruppert, Stadtrat Greiner, Stadtv.-Obmann Ellegast, Baurat Hartmann.

Dem Ausschuss, der am 12. Oktober 1925 erstmals zusammentrat, wurde durch Bürgermeister Arnold ein Kostenvoranschlag vorgelegt, der 250 000 RM Aufwand für zwei Landestellen und ein Schiff von 26 m Länge vorsah. Die Betriebsausgaben waren pro Jahr bei acht Mann Personal auf 70000 RM veranschlagt. Auf Vorschlag des vorbereitenden Ausschusses beschloss der Stadtrat am 19. November 1925 die Genehmigung von 400 000 RM. Gleichzeitig sollte die Regierung um einen Staatszuschuss ersucht werden und Meersburg einen Beitrag von 45 000 RM übernehmen. In der in Konstanz erscheinenden Bürgerzeitung wurde die Errichtung der Fähre als Luxusbezeichnet.

Am 7. Dezember 1925 bat Oberbürgermeister Dr. Moericke den Minister des Innern in einem wohlbegründeten Schreiben um Gewährung eines einmaligen Staatszuschusses und ebenso die Stadt Meersburg um einen einmaligen Zuschuss in Höhe von 45 000 RM. Dieser Antrag wurde auch durch die Landtagsabgeordneten Amann, Großhans und Gründert unterstützt. Zunächst unternahm mit Einverständnis der Stadt Konstanz der badische Minister der Finanzen den Versuch, die Reichsbahn zum Bau der Fähre zu bewegen. Dieser Versuch misslang, worauf die Gewährung eines Darlehens von 100 000 RM zugesagt wurde. Der vorbereitende Ausschuss befasste sich am 19. 10. 1926 nochmals mit der Frage, wo die Fähreverbindung ihren Ausgang und wo sie ihr Ende nehmen soll. Fünf Strecken standen in Erwägung:

  1. nordwestlich Mainau bis Unteruhldingen = 4,5 km
  2. südöstlich Mainau bis Unteruhldingen = 4,1 km
  3. Staad - Meersburg = 4,5 km
  4. Eichhorn - Meersburg = 6,1 km
  5. Klein-Venedig - Meersburg = 8,7 km

Der Ausschuss entschloss sich für die Linie 3, auf der mit einem Boot der Verkehr so bald als möglich aufgenommen werden sollte. Endgültig beschloss der Stadtrat am 21. Oktober 1925 das Fähreprojekt zu genehmigen und den Bürgerausschuss um Zustimmung zu ersuchen. Zuvor wurde noch der Finanzausschuss gehört, der wegen zu erwartender Unwirtschaftlichkeit die Vorlage mit 7:3 Stimmen ablehnte. Die entscheidende Bürgerausschusssitzung fand am 9. November 1926 statt. Oberbürgermeister Dr. Moericke empfahl die Vorlage, Bürgermeister Arnold begründete sie nach der technischen Seite anhand ausgelegter Pläne. Mit großer Mehrheit wurde folgender Beschluss angenommen:

"Die Stadt errichtet und betreibt eine Kraftwagenfähre Konstanz - Meersburg. Der Aufwand für die Einrichtung der Landestellen und den Kauf des Fährschiffes mit 300.000 RM ist aus Anlehensmitteln zu beschaffen und in 20 Jahren zu tilgen."

Am Dreikönigstag 1927 sprachen in der großen Turnhalle in Meersburg Bürgermeister Dr. Moll, Meersburg, über `Unsere Zukunft am Bodensee' und Bürgermeister Arnold, Konstanz, über `Die Kraftwagenfähre'. Beide Redner traten wärmstens für die Schaffung der Fähre ein. Mit den Vorarbeiten für den Bau des Hafens in Staad war schon im Dezember 1926 begonnen worden. Mit allem Nachdruck wurden nun die Arbeiten weitergeführt, und bereits am 27. Januar 1927 wurde vom Stadtrat die Zustimmung zur Beschaffung des Fährschiffes erteilt. Der Auftrag wurde der Bodan-Werft in Kreßbronn überschrieben für ein Schiff von 32 m Länge anstatt, wie ursprünglich vorgesehen, nur 26 m. Bei der Wahl des Hafenplatzes jenseits des Sees entschied sich der Stadtrat im März 1927 für Meersburg, und zwar für einen Platz westlich der Stadt. Hier ergaben sich aber wegen der hohen Kosten für den Geländeerwerb zunächst noch Schwierigkeiten, die nur nach Bewilligung weiterer Mittel beseitigt werden konnten.

Es ist rückschauend interessant nachzulesen, welche Bedenken gegen die Wahl von Meersburg geäußert wurden. 28 Gemeinden des Linzgaues und einige andere Interessenten ließen dem Bad. Ministerium des Innern einen gedruckten Einspruch zugehen. Darin hieß es, dass das Projekt Konstanz-Meersburg seinen Zweck nicht erfüllen würde, sondern dass es gleichbedeutend wäre mit einem wirtschaftlichen Ruin für den ganzen Überlingersee und seine Umgebung.

Nun konnte die Werbung für die Fähre beginnen. In den Sektionen der schweizerischen Automobilclubs wurde, wie beim ADAC und beim AvD in Vorträgen auf die günstige Süd-Nordverbindung hingewiesen. Durch das städtische Tiefbauamt wurden unter Leitung von Oberbaurat Lutz und Baurat Hartmann die Hafenanlagen in Staad und Meersburg geplant und begonnen.

Die Bürgermeister von Überlingen, Radolfzell, Singen, Salem und Unteruhldingen sprachen dem Fähreprojekt in einer Eingabe vom 18. 10. 1927 jeden volkswirtschaftlichen Wert ab. Der Kreisrat lehnte eine Unterstützung des Unternehmens ebenfalls ab. Da die Baukosten erheblich höher wurden, als ursprünglich veranschlagt, kamen die Fürsprecher des Projektes in eine schwierige Situation, zumal auch die Kosten für das Schiff sich höher stellten, als anfangs errechnet. Oberbürgermeister Dr. Moericke und Bürgermeister Moll sprachen wiederholt bei dem Minister der Finanzen wegen einer höheren Unterstützung vor. Eine weitergehende Förderung wurde aber vom Finanzministerium mit Rücksicht auf die schlechte Finanzlage des Staates abgelehnt.

Nachdem in der Zwischenzeit der Hafenbau in Staad zum größten Teil fertig gestellt und auch der Schiffsbau schon in den Spanten vollendet war, blieb dem Stadtrat nichts weiter übrig, als am 9. Dezember 1927 Mittel in einer Gesamthöhe von 608 000 RM zu genehmigen. Der gut begründeten Vorlage an den Bürgerausschuss war eine Wirtschaftlichkeitsberechnung beigefügt, die bei 18 Fahrten täglich Jahresausgaben in Höhe von 95000 RM und Jahreseinnahmen von 85 000 RM vorsah.
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Bau des Fährehafens in Konstanz-Staad. Foto: Jos. Fischer, Konstanz; datiert "Ende März 1927". Rechts der Anleger der Dampfschiffe; im Wasser vermutlich das Fundament für den Landungssteg der Fähre.


In der nun über das ganze Projekt entscheidenden Sitzung am 13. Dezember 1927, in der sich besonders Oberbürgermeister Dr. Moericke, Bürgermeister Arnold, Stadtv.-Obmann Ellegast, einsetzten, stimmten 63 Stadtverordnete für und 20 gegen die Gewährung der erforderlichen erhöhten Mittel.

Der Bau des ersten Fährschiffes schritt voran, und am 7. Februar 1928 wurde in Anwesenheit der Vertreter der Stadt der Schiffsrumpf im Rohbau zu Wasser gelassen.Am 21. Juni fuhr das inzwischen fertig gestellte Fährschiff KONSTANZ, das nach der Lieferung des zweiten Schiffes den Namen MEERSBURG erhielt, in den Hafen Konstanz ein. Eine große Zahl Einwohner hatte sich zur Besichtigung eingefunden. Gegen Abend wurde mit dem Schiff auch Meersburg angefahren, wo es mit großem Jubel und Böllerschüssen begrüßt wurde. Die Prüfung des Schiffes durch einen besonders bestellten Sachverständigen ergab, dass es durchaus den Anforderungen, die gestellt wurden, entspreche, und dass es auch mit seitlich liegendem Steuerstand vollkommen steuer- und fahrfähig sei.

Inzwischen gingen die Fertigstellungsarbeiten am Hafen in Staad dem Ende zu, weshalb der Stadtrat am 21. September 1928 verfügte, dass der Fährebetrieb am 30. September 1928 aufgenommen werden sollte.Die erste Fahrt sollte um 7 Uhr und die letzte um 21 Uhr ab Staad erfolgen, in jeder Richtung also 15 Fahrten. Nachdem am 29. September 1928 - einem Samstag - noch Probeübersetzungen stattfanden, wurde am 30. September 1928 der fahrplanmäßige Betrieb eröffnet.

Die ersten sieben Tage erbrachten Beförderungsziffern, die erkennen ließen, dass die Fähre sofort Anklang fand und dass sich bereits ein Stamm von Pkw- und Lkw-Fahrern als Kunden zu bilden begann. Es mag den Männern, die die Verantwortung trugen und die bis dahin viel Kritik sachlicher und unsachlicher Art über sich hatten ergehen lassen müssen, schon wesentlich leichter geworden sein, denn es war bereits erkennbar, dass ihre Voraussagen sich zu erfüllen begannen.

Im Frühjahr 1929 nahm der Verkehr erheblich zu, so dass die Frage geprüft werden musste, ob ein zweites Fährschiffbeschafft werden solle. Schon im Mai 1929 wurde nach eingehender Begründung durch die Direktion der Stadtwerke der Antrag auf Beschaffung eines zweiten Schiffes, das eine andere Bauart und größere Ausmaße haben sollte, vorgelegt.

So wurde dieses erste Fährschiff auf einem europäischen Binnensee zum Beginn einer Erfolgsgeschichte ohne Beispiel.



Quelle: "25 Jahre Bodenseefähre Konstanz/Staad - Meersburg" von Amtmann Otto Wunderlich, 1953. Mit freundlicher Genehmigung der Stadtwerke Konstanz
Die Bilder stammen aus der Sammlung von Karsten Meyer - www.Alt-Konstanz.de

Weiterführende Literatur:

Werner Trapp: Der Traum vom Nabel der Welt - Das Projekt „Bodenseefähre" im Spannungsfeld regionaler Verkehrsinteressen. In: Leben am See. Jahrbuch des Bodenseekreises: 1990: Band 8. Herausgegeben vom Landrat des Bodenseekreises 1990.

Werner Trapp: Konstanz in den Jahren von 1924 bis 1933 in: Lothar Burchardt / Dieter Schott / Werner Trapp: Geschichte der Stadt Konstanz, Band 5 "Konstanz im 20. Jahrhundert - die Jahre 1914 bis 1945". Stadler-Verlagsgesellschaft Konstanz, 1990.

Tobias Engelsing: Der rote Arnold - Eine Lebensgeschichte 1883 - 1950. Universitätsverlag Konstanz, 1996.